Migration, Integration und Medien
   

Die Situation in Kanada

Kanada ist - wie die USA - ein klassisches Einwanderungsland. Es hat die höchste Pro-Kopf-Einwanderungsrate der Welt, fast jeder fünfte Kanadier ist nicht in Kanada geboren. Bis in die 1970er Jahre kam die große Mehrheit der Immigranten aus Europa, in den letzten Jahrzehnten wanderten dagegen überwiegend so genannte "visible minorities" ein - vor allem aus Asien, insbesondere aus China und Indien, einige auch aus der Karibik, aus Mittelamerika und aus arabischen Ländern. Im bunten ethnischen Mosaik der kanadischen Gesellschaft des Jahres 2001 stellen die "sichtbaren Minderheiten" und die europäischen Minderheiten, die nicht den britischen und französischen Mehrheiten angehören, jeweils 13 Prozent der Bevölkerung.

Die Prinzipien, nach denen Mehrheiten und Minderheiten zusammen leben, haben sich seit den 1970er Jahren grundlegend verändert. Im ersten Jahrhundert seiner Existenz - der kanadische Staat wurde offiziell 1867 gegründet - war Kanada eine anglokonformistische Gesellschaft mit zeitweise auch rassistischen Zügen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein Umdenken ein, und 1971 proklamierte der liberale Premierminister Pierre Trudeau den Multikulturalismus zur offiziellen Staatsideologie. Kanada wurde damit zur ersten offiziellen multikulturellen Gesellschaft der Welt. Seitdem gehört der Multikulturalismus zum Selbstverständnis Kanadas und wird nicht nur parteiübergreifend von den politischen Eliten vertreten, sondern auch von der großen Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert und geschätzt.

Die Idee des Multikulturalismus wurde in den 80er Jahren in der Verfassung verankert und rechtlich konkretisiert. Seine beiden Grundprinzipien sind die Chancengleichheit aller ethnischen Gruppen bei der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe und ein Zusammenleben aller nach dem Prinzip der Einheit-in-Verschiedenheit (unity-within-diversity) d. h. ein Miteinander auf der Basis gemeinsamer Sprache, Regeln und Grundwerte und im gegenseitigen Respekt vor den jeweiligen kulturellen und sozialen Besonderheiten der ethnischen Gruppen, die ihr kulturelles Erbe erhalten und pflegen dürfen.

Der Multikulturalismus hat die Struktur des kanadischen Mediensystems beeinflusst. Neben den Mainstreammedien ist ein vielfältiger Markt von genuinen, in Kanada hergestellten Ethnomedien entstanden. Es existieren etwa 150 Presseerzeugnisse, die von den Minderheiten produziert werden. In Toronto betreiben die ethnischen Minderheiten sechs Radio- und einen Fernsehsender sowie drei weitere Fernsehkanäle.

Von den Mainstreammedien fordert das Konzept des Multikulturalismus, dass sie die ethnische Diversität angemessen widerspiegeln - sowohl in ihren Inhalten als auch in ihrem Personal. Über gesetzliche, kommunikationspolitische und professionelle Maßnahmen will man diesem Ziel näher kommen. Die öffentlich-rechtlichen Medien - wie z. B. die große Rundfunkanstalt CBC, die "kanadische BBC" - sind durch den Multiculturalism Act (1988) wie alle öffentlichen Betriebe verpflichtet, die Repräsentanz der ethnischen Minderheiten in Personal und Programmen zu verbessern. Der Employment Equity Act (1986/1995) schreibt den bundesstaatlichen Medien vor, die Anstellung und den Stand der Gleichstellung von ethnischen Minderheiten in ihren jährlichen Berichten zu dokumentieren. Im Broadcasting Act (1991) werden das Prinzip der "cultural expression" verankert und die Sendezeiten für ethnische Gemeinschaften erweitert. Die Canadian Radio and Telecommunication Commission (CTRC) erteilt und verlängert Sendelizenzen, und die multikulturelle Zusammensetzung von Programmen und Personal ist eines ihren wichtigen Entscheidungskriterien. Zu den professionellen multikulturellen Maßnahmen gehören Antidiskriminierungsregeln und Sensitivitätstraining für Journalisten und Medienmanager.

Die Auswirkungen dieser Maßnahmen werden von der kanadischen Massenkommunikationsforschung kritisch beurteilt: Sie haben durchaus zu einer besseren Repräsentation der ethnischen Minderheiten geführt, aber eine wirklich "Inklusion" der ethnischen Minderheiten in das System der Mainstreammedien hat bisher nicht stattgefunden.