Workshop mit Journalisten aus Südosteuropa. Ich halte einen Vortrag über Integration und die Probleme damit. Trockener Kommentar der Teilnehmer: Unsere Staaten sind jung und bedroht, die wirtschaftliche Lage prekär und übrigens wird ein Großteil unserer Entscheidungen in Moskau, Brüssel, Berlin oder Washington getroffen. Es gilt, was ich hier schon früher schrieb: Mal über den Tellerrand gucken um festzustellen, dass die deutschen Sorgen milder Natur sind.
Über die mangelnde Beteiligung von Migrantinnen und Migranten an der Medienproduktion wird allseits und berechtigt geklagt. Nun haben die Migranten selbst einen weiteren Versuch unternommen, sich besser zu vernetzen. In Deutschland, wo Gruppeninteressen eher wahrgenommen werden als kluge Zwischenrufe einzelner, kann diese Selbstorganisation Erfolg haben. Wir jedenfalls wünschen ihn. Näheres unter
Zu Pessimismus rät allerdings die aktuelle Wirtschaftslage, die von den Medienunternehmen dafür instrumentalisiert wird, Personal abzubauen. Hier in Nordrhein-Westfalen sorgt insbesondere die sehr gesunde WAZ-Gruppe für Unruhe, weil Arbeitsverdichtung und Personalabbau geplant sind. Schlechte Zeiten für neue Medienmacher. Immerhin wehrt sich die Belegschaft zeitgemäß:
Auch hier gutes Gelingen, denn wenn der Arbeitsmarkt für Journalisten sich weiter so rasant verschlechtert wie seit der Jahrtausendwende, können Initiativen, Forschungsprojekte und Hochschulausbildung mit dichtmachen. Und der Rezipient muss Bücher lesen und schreiben, wenn er sich nicht unter Niveau informieren will.
An dieser Stelle herrschte für einige Wochen Funkstille, was daran liegt, dass unser Projekt Bücher vorbereitet, die demnächst erscheinen sollen. Ich bitte um Nachsicht. Wenigstens kurz will ich aber meine Freude über einige Ereignisse kundtun. Die US-Bürger haben Obama gewählt, gut 400 Jahre nach dem Beginn der Deportation von Afrikanern nach Nordamerika. Obama gehört nicht zu deren Nachkommen und kann genauso gut als fast weiß durchgehen, aber gerade diese unklare Zuordnung mag helfen, nicht länger in Kategorien von “race” usw. zu denken, sondern in Konzepten, die unsere Zeit braucht. In Hessen haben vier Sozialdemokraten die Einmischung von Kommunisten in die Regierung verhindert. Und das ist gut so, denn Pionierleiter, Illusionisten und MfS-Apologeten können keinen Beitrag zum Gemeinwesen leisten, außer zu dessen Zerstörung. “Yes, we Cem!” heißt es von den Grünen, die den Deutschtürken Özdemir zum Parteichef wählten, was mich freudig überraschte. Was für ein Signal! Politiker sollen im Prinzip kein Vorbild sein, sondern ordentlich regieren (oder ordentliche Regierung befördern), aber dass man mit Migrationshintergrund Vorsitzender einer Bundespartei werden kann, wird die Integration gewaltig beflügeln. Trotz Rezession: Das sind gute Nachrichten.
Ein Dortmunder Ortsverein der SPD hat an einem Kiosk in türkischer Sprache plakatiert. Es geht offenbar um Wohnumfeldverbesserung. Eine ehrenwerte Sache, dass gezielt Bewohner türkischer Zunge angesprochen werden. Allerdings hat jemand mit Kugelschreiber ergänzt: “Wo sind wir hier?” Offensichtlich wird ausschließliche Fremdsprachigkeit als bedrohlich empfunden, und dieses Gefühl muss ernstgenommen werden. Darum plädiere ich für zweisprachige Ankündigungen, die verwirren nicht und sprechen überdies auch Migranten an, die die deutsche Sprache besser beherrschen als die Herkunftssprache von Eltern oder gar Großeltern. Zudem können dann zu Veranstaltungen Interessenten barrierefrei kommen und einander besser kennenlernen als über mediale oder Kugelschreiberbotschaften, denn diese können unter Umständen für Gedanken stehen, die den Boden des Anstands verlassen.
Die Linkspartei, ein Verein für persönliche Rache und Gefühlsversorgung der “Es-war-nicht-alles-schlecht”-Vertreter, die 1989 für eine Konterrevolution halten, hat den Schauspieler Peter Sodann zum Kandidaten für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen. Damit schwinden Gesine Schwans Chancen und die mancher SPD-Politiker, eine linke Mehrheit durchzusetzen. Sodanns Nominierung ist ein Glücksfall für die Entzauberung der Linkspartei. Im Interview mit der “Sächsischen Zeitung” stellt er seine außerordentlich kruden Vorstellungen dar, vom vollkommenen Glück für alle bis zur Verfahrensfeindschaft. Es soll hier nicht mühsam jede seiner Ideenvorstufen widerlegt werden, das lohnt nicht. Nur, und damit sind wir beim Thema Integration, dieses unpolitisch-utopisch-romantische Gedankenbös rumort in allen deutschen Landen herum, und bevor die Mehrheitsbevölkerung auf den Migranten rumhackt, weil die angeblich “unsere Werte” nicht teilen, sollten wir den eigenen Märchenwald falscher Vorstellungen roden.
Sodann nennt sich “betender Kommunist”. Der arme Gott!
Cem Özdemir, Schwabe mit türkischem Hintergrund, will Parteivorsitzender der Grünen werden. Mit zwei Versuchen, auf sichere Plätze für die nächsten Bundestagswahlen zu kommen, ist er gerade gescheitert. Das ist sehr bedauerlich, beweist aber die alte grüne Unart, Migranten als Mündel zu betrachten. Dabei wäre ein deutscher Parteichef mit Migrationshintergrund so bedeutend wie eine ostdeutsche Kanzlerin und schwule Bürgermeister. Die Grünen aber bevorzugen seltsame Integrationsprojekte und einschlägige Diskurse, wonach alle Nichtgrünen verkappte Nationalisten seien. Ist eben doch bloß eine upper-class-Veranstaltung, gutes Gewissen bei hohem Lebensstandard, die Schlacht am fairen Buffet. Aber bitte nicht ernstnehmen, die denken bloß laut: “Anatolkraft, nein danke!”
“Bild” und “Hürriyet” haben ein gemeinsames Buch über das deutsch-türkische Verhältnis herausgegeben und bewerben es tüchtig. “Süper Freunde” heißt es. Heute lässt Musikerin Reyhan Sahin reichlich Zotiges ab, wie es eben üblich ist am Beginn von Emanzipationen, es wird maßlos übertrieben. Allerdings schrieb ich früher an dieser Stelle, dass mich Spiel und Ernst nationaler Identitäten unglaublich langweilen. Wir machen immer noch auf 19. Jahrhundert, das die Zivilreligion Volk erfand, als ob wir keine andere Sorgen hätten. Gegen die permanente Unerlöstheit helfen weder Paris Hilton noch Götter, nur Maß, Güte, Fleiß, Geduld und Zuwendung. Der ganze brutale Identitätskollektivismus gehört auf die Sondermülldeponie der Geschichte. Denn Freiheit braucht keinen Applaus oder Protest, sie genügt sich selbst.
Für meinen Geschmack zuviele Brüste und zuviel Blut, ansonsten ist “Der Baader-Meinhof-Komplex”, der gerade in den Lichtspielhäusern läuft, empfehlenswert, auch für unsere gegenwärtige Terrorismusdebatte. Der Film zeichnet die individuelle und kollektive Entwicklung von Feinden wie Bewahrern der Freiheit nach, die Radikalisierung beider Seiten. Terroristen begreifen sich ungefragt als Avantgarde der unterdrückten Massen. Gefährlicher als die RAF selbst waren ihre Sympathisanten, gefährlicher als Al-Kaida ist ihre Billigung - nur, und das ist eine Parallele, diese Billigung ist keine aller Muslime (so entstand das gefährliche Feindbild Islam), wie auch den meisten Deutschen Mord zuwider war und ist, kein Ideal ist das wert. Es müssen aber die Schwankenden gewonnen werden, und das geht nicht mit Überwachungsstaat und Militärmacht, sondern kluger Außen- und Entwicklungspolitik. Rechnete man die Kosten der westlichen Aufrüstung um in Infrastrukturhilfe, Rechtsstaatsdialog und Industrialisierung der islamischen Welt, begänne man erst das Heulen und stellte danach fest, dass man Ideologien am besten bekämpft, indem man sie isoliert, mit Wohlstand, Freiheit und öffentlicher Ordnung. So wurde auch der Kalte Krieg gewonnen. Leider geschieht das Gegenteil.
Die Kleinschreibung der Überschrift ist Absicht. Tagging ist gemeinschaftliches Indexieren im Internet, woraus Wortwolken entstehen, die die Orientierung erleichtern sollen. Und ist der Tag der Einheit nicht seit 18 Jahren immer Gelegenheit, in offiziellen Reden ein wenig Wolkenkuckucksheim zu spielen, aus dem uns die brutale Realität sonst unerbittlich vertreibt? Und was will uns der leicht fiebrige Dichter damit sagen? Dass wir ein Volk werden sollen, weil wir es noch nicht sind. Ost und West, hier und woanders geboren, Christen, Atheisten, Muslime, Juden, sogar die Esoteriker, auch wenn´s schwer fällt. Wär doch schön, wenn wir nicht rivalisierende Gruppen wären, sondern allesamt Bürger, geschwisterlich in innerer Einheit und äußerer Anmut. So, das musste mal raus. Feiern Sie schön, denn vor 20 Jahren war Europa geteilt, Migration kein Thema und Kommunikation aufwändig. Bei aller Last des Tages: Bisschen Fortschritt ist doch.
Die Memoiren von “Bushido” stehen auf Platz eins der “Spiegel”-Bestsellerliste. Danke, keine weiteren Fragen, ich wünschte bloß, auf dem Oktoberfest zu sein.