Migration, Integration und Medien
   


Monatsarchiv für September 2008

Irrer geht immer

21. September 2008 von Harald Bader

Die Memoiren von “Bushido” stehen auf Platz eins der “Spiegel”-Bestsellerliste. Danke, keine weiteren Fragen, ich wünschte bloß, auf dem Oktoberfest zu sein.

I want my money back

21. September 2008 von Harald Bader

Leider hat mir die Kreditanstalt für Wiederaufbau keine Hunderte Millionen Euro überwiesen, obwohl ich dazu bereit gewesen wäre, anschließend in Insolvenz und Dauerferien zu gehen. Ich bleibe dieser Seite also erhalten. Und ich bin zornig auf diese Luftbucher allerorten. Es heißt doch immer, man hätte kein Geld für Nachhilfe für Migrantenkinder, öffentlichen Beschäftigungssektor, verbesserte Studienbedingungen, kostenlose Kindergärten, Leseförderung und Stadtteilbibliotheken, Resozialisierung oder Mittagessen an den Schulen. Stattdessen Pendlerpauschalendiskussion als Nebelkerze für die Unfähigkeit, Zocker zu überwachen. Wenn ein Hartz-IV-Empfänger nicht weiß, wo sein Geld geblieben ist, bekommt er nichts. Wenn ein Banker nicht weiß, wohin Milliarden verschwunden sind, springt der Staat (Sie und ich und unsere Nachkommen) ein. Wir ham´s ja! Kein Wunder, dass die Kommunisten Morgenluft wittern.

Die der Revolution unverdächtige “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” schreibt heute dazu: “Wer soll noch glauben, dass für irgendein pädagogisches, ökologisches oder soziales Projekt kein Geld da ist, wenn man über Nacht Trillionen für Quatschpapiere finden kann? Eine ganze Klasse der politischen Rhetorik kann nach Hause gehen.”

Aber vorher wollen wir unser Geld zurück. Wir legen davon gern für volkswirtschaftliche Bücherspenden an unsere sogenannte Bankenaufsicht und unsere Finanzministerialbürokratieimitation zusammen, und für Integration wäre auch noch etwas übrig.  

Lob nach Köln

21. September 2008 von Harald Bader

Mit rheinischer Finesse haben die Kölner den “Anti-Islamisierungskongress” sabotiert. Chapeau! Und wer meint, irgendwas sei dran am Anliegen der Rechten, dem sei Sebastian Haffner, “Germany: Jekyll & Hyde” empfohlen. Hinter vermeintlichen Anliegen und schlichten Feindbildern steckt Nihilismus, eine sehr grundsätzliche Langeweile und eine Abscheu vor Kultur, wie sie Fundamentalisten aller Art eigen ist. Vernünftige Leute wollen gut leben, und das geht nur gemeinsam.

Abstimmung mit den Füßen

18. September 2008 von Harald Bader

Dem Mann vom Kiosk platzte der Kragen: Dauernd beschweren sich seine Kunden über irgendetwas, die Preise, die Politik, die Jugend, die allgemeine Weltlage und dass alles immer schlimmer wird. “Dabei ist das hier das Paradies”, findet der Migrant und führt aus: “Fließendes, sauberes Wasser, gute Straßen, man kann sagen, was man denkt, und wer nicht arbeitet, verhungert nicht.” Und dass mehr Leute rein nach Deutschland als heraus wollen. Und da fiel mir auf: Seine Ansicht hat viel für sich. Ein Paradies ist die Bundesrepublik nicht, schon aus theologischen Gründen, aber hier war es schon mal viel schlimmer und woanders ist es das noch. Verbessern kann man vieles, aber überzogene Erwartungen an das Leben kann nur der haben, dem es einigermaßen geht.

Vielleicht sind das jetzt die guten Zeiten.

Einbürgerungsfest

18. September 2008 von Harald Bader

Kühl der Abend, doch Feuerholz war genug da. Die Würste gegessen, drei Gruppen kannte das fröhliche Fest: Die Paare mit Kindern, die früh gingen, die kinderlosen Paare, denen ein Schild mit “Höchste Eisenbahn!” auf der Stirn zu kleben scheint, und die Übriggebliebenen, die den Zug verpasst haben. Jemand holte eine Gitarre, wir sangen Lieder, soweit textsicher, englisch und deutsch. Vorher erzählte ein Osteuropäer, wie schwer es ihm falle, sich in Deutschland heimisch zu fühlen, und ob sich das nach der Einbürgerung ändern würde. Ich schwieg. Später aber, das Bier war alle und man ging zum Wein über, wurden die Sätze der Runde gelallter, die Stimmung heiterer und man war sich einig, sich gut zu unterhalten. Da sagte ich dem Fremdelnden, wenn er jetzt in dieser Ausgelassenheit heimlich wehmütig wäre, ein Deutscher zu sein.

Er schaute mich an, wie man nur selten angeschaut wird: erlöst.

Tränen lügen, nicht?

18. September 2008 von Harald Bader

Es gehört zu den Marotten des Verfassers, Musikfernsehen zu gucken, obwohl dessen Qualität gesunken ist und ich auch nicht mehr Zielgruppe bin. Aber zur neuen “Bushido”-Single “Ching ching” möchte ich mich dennoch äußern. Das hat einen eher traurigen Bezug zu unserem Forschungsgegenstand, denn es sind solche Klänge, die aus den Handys von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund dudeln. Und wie an diversen Talentshows zu sehen ist, dieser Mann hat Vorbildcharakter, weil ihm sprachlich, melodisch, kriminell und sexuell nachgeeifert wird, was Lehrer auf Nachfrage seufzend bestätigen. Paradox sind dabei Attitüde und Text: Bushido macht auf ganzer Kerl, aber jammert herum, dass seine Leute und er von Tüchtigeren auf die schiefe Bahn gedrängt wurden. Laut Single sind besonders Medizinstudenten schuld daran, dass er sich einen zweifelhaften Ruhm erwarb (von dem es sich aber mittlerweile gut leben lässt). Der Text jedenfalls ist eine fortwährende Anklage, ein Bekenntnis der Unfreiheit mit viktimistischer Pointe getreu dem Sprichwort “Schadet meiner Mutter gar nichts, dass mir die Finger abfrieren, sie hätte mir ja Handschuhe anziehen können”. Das ist die Botschaft des “Ghetto”-Barden mit unechten Reimen.

Im nicht genderkorrekten Grundschuldeutsch: Bushido weint wie ein Mädchen.