Migration, Integration und Medien
   


Monatsarchiv für Juni 2008

Wer weiß was

18. Juni 2008 von Anne Weibert

Praktizierte Geschlechtertrennung in Saudi-Arabiens größter Tageszeitungsredaktion: Männer und Frauen sind hier journalistisch tätig – ohne sich dabei jemals zu begegnen. Eine pakistanische Gemeinderätin in Peschawar, die sich – übrigens als eine von insgesamt 28553 im gesamten Land – selbstbewusst für Bildung und Schulen für Mädchen einsetzt. Islamgelehrte an der ägyptischen Azhar-Universität, die an einer privat betriebenen, kommerziellen „Fatwa-Hotline“ Religionsberatung für den Alltag geben – am „Islamischen Telefon“ bekommt man Rat auf Fragen wie: Darf eine verheiratete Muslimin im Internet mit fremden Männern chatten? Die junge Türkin, der eine Perücke half, ihren Wunsch nach Ausbildung an der Fachschule für Zahntechnik, Abschluss in Business Administration und Gründung einer Interessenvertretung für Zahntechniker mit dem in ihrer Religiösität verwurzelten Bedürfnis sich zu verschleiern in Einklang zu bringen.

In ihren ungewöhnlichen Reise-Reportagen hat Charlotte Wiedemann Menschen wie diese beschrieben – und damit Einblicke ermöglicht, die vor allem eines deutlich machen: den einen Islam gibt es nicht. Die Religion hat vielfältige Formen, und die Auseinandersetzung mit ihr ist ein andauernder Prozess, oft ein Ringen um die Vereinbarkeit von Gestern und Morgen. „Ihr wisst nichts über uns!“ ist die wiederkehrende Botschaft, die Wiedemann von den Menschen mitbekommt, die ihr in Saudi-Arabien, Iran und Nigeria, der Türkei, in Libyen, Pakistan und Ägypten, Syrien, dem Jemen und Oman auf ihren Reisen begegnen.

In einer Zeit, wo Islam häufig allein mit Extremismus, Rückwärtsgewandtheit, gar Terror assoziiert wird, ist das eine gesunde Erkenntnis. Denn Unwissen macht misstrauisch. Das Wissen um Unwissen wiederum kann die Basis sein für Dialog.

Charlotte Wiedemann: „Ihr wisst nichts über uns! Meine Reisen durch einen unbekannten Islam“.
Freiburg: Herder Verlag; 224 Seiten; 14,95 Euro

Deutsch-polnische Begegnung

9. Juni 2008 von Harald Bader

Das gestrige EM-Spiel zwischen Deutschland und Polen hat Deutschland gewonnen. Vorher wäre es beinahe zu einem Pressekrieg gekommen, doch liefen die Anläufe ins Leere. Der Ball ist rund, kein Tannenberg. Immerhin versuchen die Verlierer, den deutschen Schützen für sich zu vereinnahmen, was so richtig nicht funktioniert, denn Podolski kam als Spätaussiedler in die Bundesrepublik, also als Nachfahre deutscher Staatsbürger - gerade die Oberschlesier haben sich deutschen und polnischen Nationalismen nie recht zuordnen lassen. Wir halten fest: Ethnische Homogenisierung ist auch auf dem Platz kein Erfolgsmodell.