Für die deutschen Pläne, irakische Christen ins Land zu lassen, hagelt es Kritik. Das sei eine religiöse Bevorzugung. Dabei hält das UN-Flüchtlingswerk die nichtmuslimischen Minderheiten für die gefährdetste Bevölkerungsgruppe. Das “Alle oder keiner” von Seiten der EU verwundert - eine Moral, die in Handlungsunfähigkeit führt, darf keine Kategorie der Politik sein. Ich befürworte die Aufnahme von irakischen Christen, und, wenn durchsetzbar, auch Jesiden und Atheisten. Um ihrer Leben willen, um Jordanien und Syrien, wo die Flüchtlinge kampieren, zu stabilisieren, und weil es Deutschland gut anstünde, seine gefeierte Humanität zu beweisen. Mag es um religiöse Präferenzen der CDU gehen, warum nicht, wenn das Ergebnis Menschenrettung ist. Falls die Iraker hier dauerhaft bleiben, wird man ohnehin feststellen, dass ihre Frömmigkeit mit der unsrigen wenig gemein hat, das hat man schon bei manchen Einwanderern aus der Sowjetunion gesehen. Es liegt also eine gewaltige Integrationsleistung vor ihnen und vor uns, möge sie gelingen.
Der Allerchristlichste Präsident der Vereinigten Staaten allerdings, der diesen Krieg vom Zaun brach, weil er eine göttliche Stimme vernahm, wird sich vor seinem Gott verantworten müssen, weil er die Wiege der zivilisierten Menschheit entchristianisiert hat. Das hat noch kein Invasor im Zweistromland geschafft. Stimmenhören ist eben eine heikle Angelegenheit.
Unser Bundesinnenminister hat klargemacht, dass er “irakische Christen” als Flüchtlinge nach Deutschland holen will. Und bevor die Diskussion richtig losgeht, ob es richtig ist, die Rettung auf Christen zu beschränken, fordert die Integrationsbeauftragte Frau Böhmer zum schnellen Handeln auf. Und ist der Meinung, man solle es nicht auf die Goldwaage legen, dass der Bezug auf Christen etliche andere Gruppen ausschließt: “Wir sollten uns darüber nicht zerstreiten. Es ist keine Zeit zu verlieren. Wir müssen denen zuerst helfen, die am schlimmsten von Gewalt und Verfolgung betroffen sind.” Dies seien ganz überwiegend Christen, sie stellten die mit Abstand größte religiöse Minderheit im Irak.
Frau Böhmer springt also ihrem Parteifreund Herrn Schäuble zu Hilfe. Ihr Argument, warum außer Christen keiner rein soll, ist besonders stark: Weil wir keine Zeit zum Diskutieren haben.
Die größte religiöse Minderheit im Irak sind die Christen tatsächlich. Laut diesem UNHCR-Bericht von April 2005 stellen sie 6 bis 12 % der irakischen Bevölkerung, also 1,5 bis 3,12 von rund 26 Millionen Menschen. (http://www.unhcr.de/uploads/media/500.pdf?PHPSESSID=0dbc716b4c69cc1adafcc44f790baa1c). Die Tagesschau zitiert die französische Exilgemeinde damit, es seien heute noch 636.000 (http://www.tagesschau.de/ausland/christen4.html). Die zweitgrößte Gruppe sind nach dem UNHCR-Bericht die Anhänger der Yezidischen Religion, ca. 550.000 Menschen. Andere kleinere Gruppen, wie die Zeugen Jehovas oder kleine monotheistische, nicht-christliche Religionen zählen deutlich unter 100.000 Anhänger. Auch Menschen, die sich vom Islam losgesagt haben, seien bedroht. Juden gibt es praktisch nicht: “Im heutigen Irak gibt es […] praktisch kein jüdisches Leben mehr. Schätzungen zufolge leben insgesamt noch etwa 20 Juden in Bagdad; außerhalb der Hauptstadt gibt es keine jüdische Bevölkerung.”
Der Bericht des UNHCR Berlin von 2005 stellt auch fest, dass es für religiöse Minderheiten keine inländischen Fluchtmöglichkeiten gibt.
Mit Sicherheit sind Christen als religiöse Minderheit im Irak einer besonderen Bedrohung ausgesetzt. Das betrifft aber genau so andere, wenn auch kleinere Gruppen. Die Wortwahl “irakische Christen” schließt sie alle aus. Und soll wahrscheinlich die Volksseele besänftigen. Nach dem Motto: Es sind zwar Flüchtlinge, aber wenigstens keine Moslems.
Diesem Zitat des slowenischen Innenministers Mate ist wenig hinzuzufügen: Die EU lehnt eine Sonderbehandlung verfolgter Christen aus dem Irak ab. “Wir müssen Flüchtlinge ungeachtet ihrer Religion oder Rasse aufnehmen und ihnen Asyl gewähren”, sagte der slowenische Ratspräsident Dragutin Mate zum Vorstoß von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zur Aufnahme verfolgter Christen aus dem Irak. (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,548299,00.html)
Ich wusste nicht, dass es die Aufgabe der Integrationsbeauftragten ist, die Integrität des deutschen Innenministers zu schützen.
Einigen Feuilletons zufolge sei das nächste große Ding, was auf uns zukommt, die Frage nach Identität. Da soziale Rollen, Weltanschauungen, Religion und Zweisamkeit nicht mehr ausreichten, befänden sich die Leute auf Sinnsuche. Dabei hätten es Migranten, die sich zwischen den Kulturen bewegten, besonders schwer. Vor allem in einem Land, dessen bedeutendste historische Erfahrung das pure Grauen ist. Man hilft sich dann mit städtischen oder föderalen Traditionen, ist also Dortmunder oder fünfter Stamm Bayerns oder Hansa-Fan. Warum nicht, schadet wenig, aber wie ich hier bereits schrieb, prinzipiell sind mir Bedeutungsschwangerschaften verdächtig - auch bei Deutschen, die sich in wildeste Spekulationen verirren, aus dem aktuellen Buch, das sie lesen, eine Theorie von allem entwickeln und absurde Tees trinken. So unentspannt das alles, dabei glaubt doch jeder, was ihn will. Man muss den eigenen Prozesscharakter (im doppelten Sinn) erkennen und dass wir im Schillerschen Sinne bloß spielen. - Ich wurde gestern gefragt, wer ich sei, ich fand die Frage unangemessen.
Und wenn also Identität die kommende heiße Ware sein soll, werden sich, wie jetzt schon, die passenden Produkte dafür finden. Ich bin so müde, trinke jetzt einen Kaffee und wende mich den täglichen Angelegenheiten zu, die schützen vor Grundsätzlichem.
Da es sich nicht um eine wissenschaftliche Veröffentlichung handelt, soll an dieser Stelle ein Buch zum Thema empfohlen werden. Die Autorin, in Anatolien geboren und in Duisburg (an dem sie hängt) aufgewachsen, gewährt uns Einblicke in eine vermeintliche Parallelwelt, die so anders gar nicht ist. Es geht um Familie, Küche, Koran und den Beruf. Vor allem aber darum, den Mann fürs Leben zu finden. Akyün wünscht sich, wie der Titel sagt, einen Deutschen, der was taugt. Also nicht zu Rendezvous mit Fahrradhelm kommt, im Restaurant getrennt bezahlt und sich nur matte Komplimente abquält. Um später ein Möbelhaus mit Venedig zu verwechseln und zu glauben, einer Frau zu gefallen, wenn man mit ihr alt werden möchte.
Doch die emotionale Marktwirtschaft ist hart: nur Graupen in Sicht. Die große Liebe führt ins Zentrum der Welt, an die Grenzen des Verstandes oder wenigstens an Theken, wo fiebrige Sonette entstehen. Die kleine Liebe aber ist schlimmer als nichts, die Farce einer Fälschung der Nachahmung einer Imitation des Schattens der Sehnsucht. Dass Akyün versucht, darüber zu lächeln, ist ein Beleg für den tragischen Zug ihrer Erfahrungen.
Ich wünsche der Autorin, dass ein gewaltiges Glück ausbreche, falls nicht, mag sie der Gedanke trösten, zweihundert Jahre zu spät eingewandert zu sein.
Hatice Akyün: Einmal Hans mit scharfer Soße. Leben in zwei Welten. Taschenbuchausgabe München: Goldmann 2007.
Papst Benedikt XVI. wird die verbliebene katholische Kirche in New York besuchen, wo noch deutschsprachige Gottesdienste stattfinden. Trotz der starken Einwanderung Deutscher, die Ende des 17. Jahrhunderts begann, ist ihre Herkunftskultur fast verschwunden. Jetzt fragen Sie nicht, wie ich das finden soll. Einerseits gönne ich den Auswanderern und Exilanten, dass sie den gesellschaftlichen Aufstieg geschafft haben, der oft mit Anpassung an die Mehrheitssprache und -kultur einhergeht. (Wobei politischer Druck - Deutschland und die USA waren zweifach Kriegsgegner - hinzukam.) Andererseits schade, dass unsere Spuren so verwischt sind und man Luther, Goethe und Brecht (Entschuldigung, Eure Heiligkeit) übersetzen muss.
Dieser etwas wehmütige Blick ist nützlich, wenn Deutschland von seinen Immigranten erwartet, sich schnell zu germanisieren. Sie sollen dabei unterstützt werden, Deutsch zu lernen, sich zu bilden und zu arbeiten, aber ein bisschen türkisch oder russisch müssen sie schon bleiben dürfen, wenn ihnen danach ist. Also baut Zwiebeltürme und Minarette, die auch so aussehen. Denn falls in ihnen in Jahrhunderten jemand als Letzter das Licht ausmachen sollte, werden wir alle etwas verloren haben.
Die Parteien sind unschlüssig, ob ein neues NPD-Verbotsverfahren eröffnet werden soll. Dagegen spreche, dass man die Rechten in die Illegalität abdränge und V-Leute gefährde. Nun, dass ein Staat seine eigene Fundamentalopposition alimentieren muss, leuchtet mir nicht recht ein. Ich bin auch nicht der Ansicht, dass eine strafrechtliche Verfolgung inhumanen Gedankengutes gefährlicher sein soll als das langsame Einsickern in die Köpfe. Und zur Frage, ob das belastende Material ausreiche, sagte Wolfgang Thierse vorhin, schon die zugänglichen Schriften seien eindeutig genug. Das stimmt. Leider scheuen sich viele Journalisten, die Inhalte der NPD darzulegen und zu kommentieren. Man hört dann, es dürfe kein Podium geboten werden. Wie unprofessionell, davon auszugehen, eine kritische Berichterstattung sei automatisch Werbung! Dabei genügt ein Blick in das Parteiprogramm um festzustellen, dass Wiederherstellung von “Volksgemeinschaft”, “raumorientierter Volkswirtschaft” und insbesondere “Revision der nach dem Krieg abgeschlossenen Grenzanerkennungsverträge” nicht nur den Verfassungsstaat, sondern auch den europäischen Frieden bedrohen. Von einem Weltkrieg, ausgeheckt von Irrlichtern auf Führersuche, rate ich dringend ab. Hatten wir schon, muss nicht nochmal sein: Viele Tote, alles kaputt.
Im Übrigen erhoffe ich mir von einer Ächtung der Völkischen, dass die zumindest im deutschen Osten salonfähige Fremdenfeindlichkeit wenn nicht verschwindet, so doch wenigstens leiser wird. Und liebe Rudolstädter, die ihr euch momentan von Wessijournalisten verunglimpft seht: Lest doch mal Schiller, auf den ihr so stolz seid, der hat keine Kinder mit indischen Vorfahren verprügelt.
Ginge es nicht um menschliche Schicksale, müsste man die Chuzpe der deutschen Politik amüsant finden. Jahrzehnte war die Bundesrepublik de facto ein Einwanderungsland, was offiziell geleugnet wurde. Nun freuen sich Wirtschaft und Wissenschaft, dass die Politik ein Einsehen hat und uns als Einwanderungsland bezeichnet. Bloß: Es kommen keine neuen Leute mehr hierher, jedenfalls nicht in nennenswertem Ausmaß. Ein rhetorischer Kunstgriff ersten Ranges. Wir haben Integrationspolitik für die Einwanderer, die schon hier sind. Dabei soll es aber vorerst bleiben. Bildungs- und Familienpolitik wenden sich problematischen Fällen zu, wollen sich aber keine neuen aufhalsen. Der Ruf der Kirchen, irakische Christen zu retten, wird ungehört verhallen. Familiennachzug wird erschwert. Seinen Bedarf an Arbeitskräften wird Deutschland aus EU-Staaten decken, nicht aus armen Ländern - deren Nahrungsmittel wir gerade durch den Auspuff jagen, weil unsere Ökobewegten die Rechnung ohne den Landwirt gemacht haben.
Integrationspolitik findet statt, prima. Aber ein Einwanderungsland sind wir die längste Zeit gewesen. Achtziger Jahre, nur umgekehrt.
Abendessen bei einem Studenten afrikanischer Herkunft. Scharfes Hühnchen, ein Reis, dessen Bezeichnung ich vergessen habe, köstlich. Eine außerordentliche Zuvorkommenheit, die selten ist und wohltuend. Und gratis ein Einblick in die Zukunftspläne: Die künftige Ehefrau soll kochen, gehorchen (”sie darf ihre Meinung sagen, aber das letzte Wort hat das Familienoberhaupt, also ich”) und gebären. Und sie darf nicht einschlägig berührt worden sein, muss aber zu Frömmigkeit neigen.
Bei aller kulinarischen Dankbarkeit: Viel Vergnügen bei der Akquise, und auch wenn ich ihm eine gelingende berufliche Integration wünsche: Gender Mainstreamer wird er jedenfalls nicht mehr.
Antiamerikanismus ist ja schick, links wie rechts und in der Mitte auch. Vom Amerikanismus weiß man weniger. Seine Idee der Freiheit aber, die wie oben zu lesen (hier ganz, da meist gekürzt wiedergegeben) auch Goethe beeindruckte, zeigt sich im derzeitigen US-Wahlkampf. Alles scheint möglich, und obwohl die Deutschen die demokratischen Bewerber vorziehen mögen: McCain wäre vermutlich auch ein ordentlicher Präsident. Obama, der jüngst (und endlich) seine Herkunft thematisierte und antritt, schwarzes und weißes Amerika zu versöhnen, macht mir ein bisschen Angst. Ich fürchte, dass er zu klug, zu weise und zu gütig ist für seinen Posten. Noch jeder, der als Retter antrat, fand sich in den Wirrungen der Weltgeschichte wieder und verbitterte. - Zuweilen wird die Mittelmäßigkeit des europäischen politischen Personals gerügt. Seien wir froh darüber, nicht versucht zu werden, Verheißungen zu glauben und anschließend enttäuscht zu werden. - Dass aber grundsätzlich Neues möglich ist, ist Amerikas Leistung für die Welt, und wir sollten mit Goethe ab und an dankbar dafür sein.
Kleiner Geschichtskurs mit einem jungen Türken. Ja, wieviele Länder mal osmanisch waren. Und Mittelasien, überhaupt, mit denen müsste man sich doch vereinigen, von Aserbaidschan bis Ostturkestan alles heimliche Kemalisten. Und die Ungarn, denen sei es doch gar nicht schlecht gegangen. Die Armenier, grundauf böse. Mal davon abgesehen, was Otto Durchschnittsfremdbeherrschter vergangener Jahrhunderte dazu sagen würde: So wie die offenbarte Religion die Leute davon abhalten kann, ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln, trifft selbiges auf den Ersatzglauben Nation zu. Mein Gesprächspartner zum Beispiel, der mit seinem Beruf hadert, könnte sich weiterbilden oder seiner Verlobten ein Studium gestatten (schlimm genug, dass sie das nicht selbst entscheiden darf). Stattdessen Turan und die Großen Zeiten. - Das ist kein spezifisch türkisches Problem. Auch manche Deutsche, gern derangiert, gewinnen nach dem dritten Bier den Zweiten Weltkrieg und lenken sich so vom eigenen verantworteten Geschick ab. Die vermeintlich Großen Zeiten halten klein.