Es war befürchtet worden, dass die Ausstrahlung eines islamkritischen niederländischen Kurzfilmes heftige Proteste auslösen würde. Bis jetzt nicht, kann aber noch kommen, denn mögliche organisierte Massenaufläufe (wir erinnern uns an die plötzlich global vorhandenen dänischen Flaggen) brauchen etwas Vorlauf. Aus Baden-Württemberg allerdings wird gemeldet, dass dort ein Brandanschlag auf ein türkisch bewohntes Haus verübt worden ist. Den polizeilichen Ermittlungen will ich nicht vorgreifen, aber - angesichts der Steinwürfe von Autobahnbrücken - darauf hinweisen, dass man wenig zur Medienwirkung weiß, aber die Nachahmung von Gewalttaten mit der Berichterstattung zusammenhängt (so gibt es Journalisten, die nicht über Suizide berichten).
Die Logik von Geert Wilders, der Islam sei automatisch gewalttätig, ist fahrlässig und unzutreffend. Verbrecher gibt es unter allen Bevölkerungsgruppen, sogar in Schwaben. Darum muss man bei pauschalen Verunglimpfungen mögliche Opfer berücksichtigen, was Rechtspopulisten gern unterlassen. Was übrigens den vermeintlichen Beleg der islamistischen Gewalt mit dem Koran betrifft: Man hat noch in jeder heiligen Schrift gefunden, wonach man gesucht hat. Mit dem Evangelium sind Ketzerverbrennungen und Tanzverbote begründet worden, “Das Kapital” wurde für die Einrichtung des Gulag herangezogen, KZ-Wärter rezitierten romantische Gedichte. Und bei allem Unmut über islamistische Gefahren: Deren Leidtragende sind zum größten Teil ebenfalls Muslime, die in der Mehrheit ein normales Leben führen wollen: Familie, Arbeit, Freunde, Freizeit, Frieden und ein bisschen Sinn.
Zur Frage, ob der Wilders-Film hätte gezeigt werden müssen: Nein. Wir müssen doch nicht in einen Wettlauf eintreten, wer wen am wirkungsvollsten beleidigt. Schmähkritik, die den öffentlichen Frieden bedroht, ist zurecht verboten. Da die Frage nach dem wahren Glauben vorläufig nicht beantwortet werden kann, müssen wir einander metaphysisch in Ruhe lassen, damit die Welt nicht so aussieht wie Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Das Olympische Feuer ist heute in Athen, der Wiege der Demokratie, an chinesische Apparatschiks übergeben worden. Man hat nicht diese verhaftet, sondern Demonstranten, die auf die Tragödie Tibets aufmerksam gemacht haben.
Es wird vermutlich keinen Boykott der Olympischen Spiele geben. China ist die Werkstatt der Welt, Sport ein großes Geschäft und das IOC noch nie durch Anstand aufgefallen. Im Übrigen wäre es naiv zu glauben, dass ausgerechnet der Sport, der zur Wehrertüchtigung erfunden wurde und seinen Ersatzkriegscharakter nicht abgelegt hat, einen Beitrag zum Frieden leisten könnte. ARD und ZDF werden mit Gebührengeld die totalitäre und pharmakologische Leistungsschau übertragen. Mit ernsten Mienen werden Sportjournalisten nach dem obligatorischen „Wie fühlen Sie sich jetzt?“ beiläufig die politische Lage erwähnen.
Was das mit medialer Integration ethnischer Minderheiten zu tun hat? Zum einen: Integration beginnt mit der Wahrnehmung von Minderheiten, egal wo. Zum andern: Die Freiheit der Tibeter ist unsere Freiheit. Wer in der DDR gelebt hat, kann sich an das geflügelte Wort von der „chinesischen Lösung“ 1989 erinnern: Blut auf den Straßen, Ende aller Hoffnungen. Daran muss in Zeiten erstarkter Ränder links und rechts erinnert werden.
Die wirtschaftliche Elite des Westens, die unsere Industrie der Kommunistischen Partei Chinas unterworfen hat und jetzt nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes glaubt (Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren als Geschäftsgrundlage der Globalisierung) wird dafür sorgen, das Pekinger Diktatorenkollektiv nicht zu verärgern. Es dürften sich auch nur wenige Sportler finden, die mit Abscheu auf eine Teilnahme verzichten, wenn doch, sind das die wahren Olympioniken.
Das ist also die neue Form des „Wandels durch Annäherung“: China wandelt sich zu einer effizienteren Unterdrückungsmaschinerie. Appeasement hat schon 1936 nicht funktioniert, doch es werden sich auch 2008 genügend Speers, Schmelings und Riefenstahls finden. Und hinterher will´s wieder keiner gewesen sein.
Uns Zuschauern aber bleibt wenigstens die Fernbedienung. Müssen wir Claqueure dieser Farce werden? Nein, müssen wir nicht. Ich wünsche den TV-Sendern aller Völker die miesesten Quoten aller Zeiten.
Glotze aus, ehrt die Toten, die unsere Toten sind!
Zunächst ein Pardon: Als Leser stört mich selbst, wenn Journalisten so wenige Primärerfahrungen sammeln, dass ihr eigenes Leben als Berichterstattungsgegenstand nur noch für ÖPNV- oder Automobilanekdoten taugt, die dann den Weg in Glossen finden. Insbesondere die Berliner Presse ist voll von kopfschüttelnden Redakteuren, die eine U-Bahnfahrt hinter sich haben und anschließend darüber schreiben. Dieser Beitrag soll also eine Ausnahme bleiben.
Nicht, dass der wissenschaftliche Nachwuchs fürstlich entlohnt würde, aber manchmal muss es ein Taxi sein. Eine solche Fahrt in meinen Vorort dauert etwa eine Viertelstunde, genug für ein folgenloses Schwätzchen. In Dortmund heißt das, häufig auf Migranten zu treffen, die qualifizierter sind als ihre Fahrgäste. Studierte Ärzte und Ingenieure aus dem Iran, vor einer indiskutablen Theokratie geflohen und hier staatlicherseits an der beruflichen Teilhabe behindert. Was keinen bundesdeutschen Stempel hatte, wurde hier nicht anerkannt. Ein Jammer. Wieviele Integrationsprogramme man sich hätte sparen können, wenn man diese Akademiker, nicht nur aus dem Iran, sondern auch aus der Sowjetunion, dabei unterstützt hätte, hier einschlägig zu arbeiten! Man hat sich an diesen Menschen schwer versündigt. Und sie? Sie haben sich damit abgefunden, manchmal trauen sie sich noch, mit diesem ungerechten Schicksal zu hadern. Klug und traurig, im besten Sinne deutsch also. Ich habe sowieso seit längerem den Verdacht, dass die Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft nicht an Glaubensbekenntnissen, Phänotyp oder Staatsangehörigkeit abzulesen ist, sondern daran, ob man noch seufzen kann. Deutsche Leidkultur eben.
So spricht der Frühromantikbeauftragte dieses Forschungsprojekts, der unbedingt radfahren sollte.
Heimaturlaub im Land am Endlichen Meer, herrliche Gegend zum Wegziehen. Heimliche und offene Ausländerfeindlichkeit, das Wort “Migrant” hört man hier nicht. Allenthalben stoische Melancholie, wie sie nur enttäuschter Atheismus gebären kann. Mehr Fritz Reuter als Fontane. Polen taucht nur auf, wenn stolz auf die geschmuggelten Pall Mall (übles Kraut) verwiesen wird. Begründungszwang, wenn man nicht trinkt.
Fünf Schlussfolgerungen: 1. Trotz der Fremdenfeindlichkeit braucht es eine Einwanderung in den ländlichen Raum. 2. Die geistige Ödnis, Territorien zur Identitätsstiftung zu gebrauchen, muss überwunden werden. 3. “Wo keine Götter sind, walten Gespenster” (Novalis). 4. Von hier soll nach den Vorstellungen der Völkischen die nationale Revolution ausgehen. Nein, hier gehen nur die Lichter aus. Die Uckermark wird kein Piemont. 5. Ich kann die Migranten verstehen, die halb dort geblieben, halb hier angekommen sind. Ich erlebe in Westfalen genug Ostscherze auf meine Kosten, während ich dort nur noch Besuchs- und Beobachterstatus habe. Es gilt aber 2.